Cécile Terraube – eine Frau, Armagnac und das große Comeback


Der erste Schluck liegt ölig im Mund. Es kommen Gedanken an eine Beerenauslese oder Eiswein. Das Bouquet erinnert an getrocknete Früchte und Honig.
Armagnac-Probe im Domain de Magnaut, einem Familienbetrieb in der Côtes de Gascogne im äußersten Südwesten Frankreichs. Das beige Haus mit den weißen Fensterläden und dem rot geziegelten Dach liegt mitten in den Weinbergen.

„Wir mussten das Image des Armagnacs kompletterneuern,“ sagt Cecile “Die meisten kennen ihn, wenn überhaupt von Ihren Großeltern und assoziieren Armagnac mit einer verstaubten Flasche Weinbrand und einer Packung Kopfschmerztabletten.“
Der Verkostungsraum wirkt alles andere als verstaubt. Er erinnert eher an einen Apple Store. Gegenüber der großzügigen Glasfront, die den Raum erhellt, stehen in der hellgrauen Wandverkleidung verschiedene Flaschen mit modern designten Etiketten. Alles blitzblank. Kein Hinweis auf den mit minderer Qualität assoziierten Weinbrand.

Cécile Terraube ist Ende 40, Winzerin mit einem großen Herz für den Armagnac – und eine der ganz wenigen Frauen in der Domäne des ältesten Weinbrands Frankreichs. Die sympathische kleine Frau mit ihrem einnehmenden Lächeln will die Tradition des Armagnacs bewahren und den alten Weinbrand neu interpretieren. Mit stark regionalem Fokus: Die Fässer kommen von einem lokalen Produzenten. Das ansprechende Flaschendesign vom Glasbläser aus Condom. Der Naturkorken wurde durch einen Schraubverschluss ersetzt. „Dadurch wird das Handling für die Barkeeper in Bars und Clubs vereinfacht.“

Der angenehm ölige Geschmack im Mund hält noch einen Moment an, dann folgt ein zuckersüßer Abgang und langsam entfaltet sich die Wucht des hochprozentigen Armagnacs. Cecile nimmt auch einen Schluck und kaut ihn kurz mit der Zunge durch. „Einen Floc des Gascogne wollte ich unbedingt ins Sortiment aufnehmen“, sagt sie und zeigt auf die erste Flasche der Armagnac-Probe. „Eine Mischung aus Armagnac Blanche und rotem oder weißem Traubensaft – das ist typisch für unsere Region.“ Außerhalb der Gascogne ist der süße Aperitif fast unbekannt. Er wird bevorzugt gut gekühlt und ohne Eis getrunken, im Sommer ein echter Genuss.

Cécile weiß fast alles über Wein und Armagnac. Sie ist zwischen Reben aufgewachsen. Nach der Übernahme von ihrem Vater haben sie und Ihr Mann Jean-Marie zuerst Wein gekeltert und später dann ihre Leidenschaft für den Armagnac entdeckt, den französischen Ur-Branntwein, der ausschließlich in der Gascogne und aus Weißwein gebrannt wird.

Cécile holt die zweite Flasche und stellt sie mit zwei Gläsern auf den Tresen. Sie enthält eine kristallklare Flüssigkeit: Armagnac Blanche. Ein kräftiger Duft von Marille, Grapefruit und Vanille steigt in die Nase. Im Mundraum erfrischt dieser besonders fruchtige Armagnac mit Aromen von Pfirsich, Limette, Zitrone und sauren Äpfeln. Der Abgang ist blumig und lang.

Während Cécile ihren Armagnac im Glas schwenkt, erzählt sie, wie die Qualität des traditionellen Weinbrands seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts immer weiter abgenommen hat. Weil die Nachfrage immer höher wurde und bald nicht mehr gedeckt werden konnte, wurde aus den weniger guten Trauben gebrannt. Das hat zu einem schweren Imageschaden geführt, von dem sich der Armagnac bis heute nicht erholt hat.
„Obwohl das Anbaugebiet sehr viel kleiner ist, die Reglementierung sehr streng und hohe Handwerkliche Fähigkeiten bei der Herstellung nötig sind“, sagt Cecil, hält das Glas mit dem Armagnac gegen das Licht und begutachtet die Farbe, „hat der Armagnac im Vergleich zu Cognac ein Prestigeproblem.“
Sie will den ruinierten Ruf des Armagnac retten, ihn aus seiner Außenseiterrolle befreien und ihm zu neuem Glanz verhelfen, um den legendären Weinbrand für eine neue Generation von Genießern zugänglich und attraktiv zu machen.

Cécile holt die nächste Flasche aus dem Regal: ihr erster selbstproduzierter Vintage-Jahrgang. Der Armagnac 2003 hat geschmacklich ein kräftiges Holzaroma und dafür weniger Frucht. Vanille und Kakao dominieren. Beim Lüften im Mund kommen Schalenfrüchte dazu. Die Farbe erinnert an Waldhonig.

Armagnac gibt es schon seit dem Beginn des 14 Jahrhunderts, genauer seit 1310, das belegt eine Urkunde aus dem Vatikan. Seither hat sich bei der Herstellung nicht viel geändert. Die letzte große und weitreichende Anpassung des Produktionsverfahrens gab es 1972. Bis dahin wurde Armagnac ausschließlich in einem Durchgang gebrannt. Seitdem ist auch das Doppelbrandverfahren erlaubt; dabei können unerwünschte Geschmacksnuancen entfernt werden, was die Qualität steigert. In ganz Frankreich gibt es nur drei Produzenten, die nach dem doppelten Verfahren arbeiten. Cecile bevorzugt die ursprüngliche einfache Brennweise.

Vorletzte Flasche. Der Jahrgang 2004 schimmert bernsteinfarben und bringt Aromen von Orangenmarmelade und Vanille, ein leichter Anklang von Walderdbeeren kommt dazu. Den Abgang untermalen bittere Zitrusfrüchte und ein Hauch von Menthol, der lange am Gaumen bleibt. Einen ganz besonderen Blick hinter die Kulissen des Armagnac hat sich Cécile bis zum Ende der Probe aufgespart. „Wir haben auf dem Hof keine eigene Destille“, sagt sie und stellt den verkosteten Armagnac zur Seite. „Wir arbeiten mit einem erfahrenen Wanderbrenner aus der Region.“
Diese Wanderbrenner geben das alte Handwerk von Generation zu Generation weiter und ziehen mit ihrem Kupferkessel durch die Hügel der Gascogne wie vor Jahrhunderten. Das Brennen beim Armagnac ist extrem diffizil. Wenn der Vorgang einmal gestartet ist, kann er nicht mehr angehalten werden. Nach einem Durchgang muss alles stimmen. Drei Tage später steht das Ergebnis fest.

Die letzte Falsche der Probe ist der X.0. Armagnac. „Steht für extra old“, erklärt Cécile und öffnet mit einem Lächeln die Flasche. „Lagert mindestens zehn Jahre in Holzfässern, meistens länger.“ Seine Farbe erinnert an Maronen, in der Nase ist ein Duft von Dörrobst. Im Mund dominieren frische Pflaume und Vanille aus der französischen Eiche, der Abgang bleibt am Gaumen. Sobald das Aroma verflogen ist, gibt es nur ein Bedürfnis: der nächste Schluck vom dunkelbraun glitzernden Weinbrand mit seiner einzigartigen Aromenvielfalt.

Auf dem Fußweg zurück, durch die Weinberge des Chateaus, zur Bushaltestelle, wächst die Erkenntnis: Dank Cécile Terraube, ihrer bedingungslosen Qualitätsoffensive und der akribischen Neuausrichtung ist der Armagnac aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und auf dem besten Weg zu einem glorreichen Comeback.

Im Bus benetzt der Nieselregen die Scheibe und es wird langsam dunkel. Eine Mischung aus gebranntem Weißwein und Holzaromen betört noch die Zunge. Mehr Beweise braucht es nicht.

Im zweiten Teil des Berichts in ein paar tagen bekommt Ihr noch ein paar Cocktail Rezepte.

Mehr über die fabelhafte Welt des Essens und Trinkens gibt es auf Instagram unter: www.instagram.com/sebastian_heuser_bdx/